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Trottelfalle: Wahrscheinlichkeitseinschätzungen und Kontrollillusion Teil1

21/02/2013

Smile in risky situation

Haben Sie mehr Angst vor Haien oder vor Kokosnüssen? Vor Spinnen und Schlangen oder eher davor, vom Blitz getroffen zu werden? Oder vor nichts davon? Sie spielen aber regelmäßig Lotto, sind dabei Gelegenheitsraucher, -trinker und Hobby-Nicht-Sportler? Haben Sie schon einmal über die Gewinnchancen beim Roulette nachgedacht? Oder am Aktienmarkt?

Wir Menschen haben eine fatale Ineffizienz, Chancen und Risiken unserer Entscheidungen (und auf Dauer unserer Gewohnheiten) einzuschätzen. Die teilweise absurden Fehleinschätzungen kosten uns Geld, unsere Gesundheit und/oder Jahre unseres Lebens. Je nach dem wo jemand beruflich engagiert ist, kostet es auch das Geld anderer, deren Gesundheit oder deren Leben.

Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass das menschliche Urteilsvermögen bei Vorhersagen, Risikoabwägungen und Wahrscheinlichkeitseinschätzungen NOCH unzuverlässiger ist, als statistische Modelle oder Erhebungen – und die sind oft schon zweifelhaft genug. Was z.B. Laien nach einer Untersuchung (1992 Deutschland) als die größten drei Todesrisiken ansehen, sind: Asbest, Giftmüll, starke Medikamente. Die Einschätzung von Experten: Rauchen, wenig Bewegung, Spirituosen.

Andere Beispiele: Im langjährigen Mittel sterben weltweit jährlich etwa 10 Menschen durch Haiangriffe, aber jährlich rd. 150 Menschen durch fallende Kokosnüsse*. In den USA sterben jährlich 10-15 Menschen an Spinnen- oder Schlangenbissen, etwa genauso viele durch Hundebisse, allerdings drei Mal so viele durch Wespen- und Bienenstiche und ca. zehnmal so viele durch Blitzschläge.

lightning

Sie werden möglicherweise einwenden wollen, dass Sie persönlich nie auch nur in die Nähe eines haiverseuchten Meeres kommen, sich stets kontinental von Palmen und Kokosnüssen fernhalten und Ihr Opa bis zu seinem 109ten Geburtstag fröhlich geraucht und gesoffen hat. So ist das halt mit Statistik – es geht um Wahrscheinlichkeiten und Ihre Kokosnüsse sind vielleicht von Hochhausbalkonen fallende Blumentöpfe, aus Wut über das Fernsehprogramm aus dem Fenster  geworfene TV Geräte oder aus Verzweiflung über das Leben auf Ihren Kopf gesprungene Suizidanten.

Die Chance, auch als Nicht-Raucher, Sportler und Genusstrinker irgendwann abzuleben liegt zwar bei 100%, allerdings sterben starke RaucherInnen im Schnitt zehn Jahre früher als lebenslange Nichtraucher. Übermäßiger Alkoholkonsum sowie ein gepflegtes Couch-Potato-Dasein kosten noch mal ein paar Jährchen zusätzlich.

Vier einfache Entscheidungen, vier sinnvolle Gewohnheiten können unser Leben deutlich verlängern – Nichtrauchen, etwas Sport treiben, nur mäßig Alkohol trinken und täglich Obst und Gemüse essen verlängern das Leben durchschnittlich um 14 Jahre. Das haben britische Forscher um Kay-Tee Khaw von der Universität Cambridge herausgefunden. Sie haben seit 1993 mehr als 20.000 Probanden im Alter von mehr als 45 Jahren (statistisch) verfolgt.

Es gehört schon eine Menge Optimismus dazu, bei einer Chance auf einen Hauptgewinn von 1:140 Millionen Lotto zu spielen, aber gleichzeitig zu glauben, dass z.B. das Risiko einer tödlichen Erkrankung durch die Folgen des Rauchens von ca. 1:20 uns persönlich nicht treffen würde (traf unrühmlicher Weise auf mich selbst zu).

Manch einer (natürlich Raucher) wird nicht einmal zugeben wollen, dass schlanke, sportliche, nicht rauchende Frauen wahrscheinlich länger leben, als fettleibige männliche Sportmuffel, die 60 „Kippen“ am Tag durchziehen 😉 .

Roulette hält mancher für eine gute Alternative zum Lotto – die Gewinnaussichten sind jedenfalls exorbitant besser. Beim Setzen auf die einfache Chance (rot/schwarz, gerade/ungerade, höhere/niedrigere Hälfte) ist die Quote 1:1 und die Gewinnchance 48,6% (wegen der 0/Zero für die Bank). Beim Setzen auf eine Zahl ist die Quote 1:35, die Gewinnchance 2,7%. Spannend im Hinblick auf Kontrollillusion und Selbsttäuschung wird es, wenn wir uns die Frage stellen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass bei dem Spiel mit der einfachen Chance z.B. sechsmal hintereinander schwarz kommt? Die Antwort ist – bevor wir beginnen, die Reihe zu spielen, ziemlich unwahrscheinlich – genau 1,3%. Für jeden einzelnen Durchgang heißt dies: NICHTS. Denn weder die Roulettekugel noch der Kessel haben ein Gedächtnis und bei jedem Durchgang ist die Wahrscheinlichkeit wieder neu 48,6%, dass z.B. rot oder schwarz kommt. Gleiches gilt übrigens für Lottospieler, die nach der Häufigkeit der gezogenen Zahlen austüfteln, welche jetzt „dran“ sind. Das Ziehungsgerät speichert die alten Ziehungen eben auch nicht in einem speziellen „Gedächtnis“ mit Gerechtigkeitssinn für eine gleichmäßige Verteilung der Zahlen.

Aberglaube, „master of the universe“ – Größenwahn und Wunschvorstellungen sind die Helfer unseres Bedürfnisses, unsere Umwelt kontrollieren zu wollen, um das Chaos und die Angst zu vermeiden, die uns sonst unter Stress setzen würden. Das Ergebnis daraus ist allerdings oft, dass wir einer opulenten Kontrollillusion erliegen, uns einreden, alles Mögliche könnte praktisch jedem zustoßen, außer uns selbst. Wer schon mal mit 250 km/h über die Autobahn gefegt ist und bei dem nur für einen kurzen Moment das bewusste Denken eingesetzt hat, hat diese Unsicherheit schon einmal erlebt, die uns anfällt, wenn uns die Kontrollillusion für einen Moment entgleitet. Unabhängig vom Straßenzustand, Wetter, dem technischen Zustand unseres Autos und der Unfähigkeit von anderen Fahrern, haben wir das Gefühl, unser Auto und die Situation zu beherrschen. Beim Fliegen haben viele das z.B. nicht. Trotzdem sind 2010 weltweit 925 Flugpassagiere bei 50 Unfällen gestorben, in Europa und Nordamerika gab es keinen einzigen tödlichen Unfall, im Straßenverkehr jedoch 3600 Tote nur in Deutschland.

Erdbeben, Unwetter, Meteoritenschauer, Immobilienpreise, Unternehmenspleiten und die Aktienkurse sind halt erst kurz vor dem Eintritt des Ereignisses vorhersagbar. Mittel- und langfristige Marktentwicklungen kann niemand vorhersagen – selbst die fähigsten Spezialisten besitzen keine funktionierende Kristallkugel.

Dazu ein Zitat des Ökonomen John Kenneth Galbraith. „Am Aktienmarkt gibt es zwei Arten von Investoren. Die, die nicht wissen, wie sich der Markt entwickeln wird und die, die nicht wissen, dass sie nicht wissen, wie sich der Markt entwickeln wird.“

Wenn wir glauben, Ereignisse beeinflussen zu können, die vom Zufall bestimmt sind, grinst wieder freundlich die Kontrollillusion um die Ecke. Wahrscheinlichkeitseinschätzungen sind zudem  oft noch durchtränkt von einer zähen Pampe aus Gier, Hoffnung oder fatalistischer Angst. Das macht es nicht „griffiger“.

Ungewissheit tritt in zwei Formen auf – eine relativ gut messbare und einzuschätzende Ungewissheit, die Autoren des Buches „Tanz mit dem Glück“ nennen sie „U-Bahn-Ungewissheit“ und eine völlig irre, unfassbare und unberechenbare sogenannt „Kokosnuss-Ungewissheit“.

Traumstrand

Angenommen, wir fahren täglich mit der Bahn zur Arbeit, so können wir die Dauer der Fahrzeit, die Schwankungsbreite und Verteilung der Abweichungen prima erfassen, somit die statistische Wahrscheinlichkeit errechnen, um einen ausreichenden Puffer für den Großteil aller Fälle einplanen zu können, eine klassische „U-Bahn-Ungewissheit“.

Ereignisse wie ein Schädelhärtetest mit stumpfer Gewalteinwirkung durch eine vom Baum fallende Kokosnuss, just in dem Moment, in dem wir uns genau dort befinden, sind demgegenüber „Kokosnuss-Ungewissheiten“. Sie können auch, wie oben beschrieben in Form von Balkonen fallender Blumentöpfe, von Kränen fallender Klaviere, Bomben in unserem bevorzugten Beförderungsmittel, oder einem sich austobenden Erdbeben oder Tsunami, genau da, wo wir grade urlauben. Die Kokosnuss kann natürlich auch ein Lotteriegewinn, ein „whole-in-one“ beim Golf oder der Kauf von 1.000 Aktien einer Firma für 3,30 $ das Stück im Jahr 1997, die irgendwie mit Obst zu tun hatte, jedenfalls „Apple“ heißt.

Es gibt zwei Sachen, die extrem übel sind – ein negativer Ereigniseintritt, mit dem niemand rechnen und auf den sich niemand vorbereiten konnte und wenn eine eigentliche „U-Bahn-Ungewissheit“ plötzlich in eine „Kokosnuss-Ungewissheit“ umschlägt. Beispiel: Wir können bei Aktien den Wert, die Verteilung der Kurse und die Schwankungsbreiten messen und daraus Risikoeinschätzungen ableiten. Wenn wir dann noch in voneinander unabhängige Branchen streuen, geht das in 95% aller Fälle gut. Und es gibt schwarze Montage, Dienstage oder Freitage.

„Das wirkliche Problem mit dieser unserer Welt ist nicht, dass sie unvernünftig oder gar vernünftig ist. Der Ärger kommt häufig daher, dass sie fast vernünftig ist, aber eben nicht ganz. Das Leben ist nicht unlogisch, aber für logisch denkende Menschen zeitweise eine Falle. Es scheint mathematischer und gleichmäßiger zu sein, als es ist. Seine Exaktheit ist offensichtlich, seine Fehlerhaftigkeit dagegen versteckt. Seine Wildheit liegt ständig auf der Lauer, um uns anzuspringen.“ G. K. Chesterton

Was fangen wir mit diesem Wissen an, um bessere Entscheidungen zu treffen?

*Offenbar ist diese Zahl – aus der Luft gegriffen, erfunden? Lesen Sie dazu den Link im Kommentar von Heho.

Lesen Sie dazu demnächst mehr in Teil2 und evtl. folgenden Artikeln

Quellen:

http://www.nzzfolio.ch/www/d80bd71b-b264-4db4-afd0-277884b93470/showarticle/740d18ae-7dfc-41d5-a6f6-a95062a4b191.aspx

http://www.focus.de/panorama/welt/un-mehr-als-eine-million-verkehrstote-weltweit_aid_408400.html

http://www.spiegel.de/reise/aktuell/luftfahrt-statistik-zahl-der-toten-durch-flugzeugungluecke-stieg-an-a-738874.html

http://www.rp-online.de/gesundheit/news/fuenf-prozent-der-deutschen-sterben-raucher-tod-1.2334154

http://www.amazon.de/Tanz-mit-dem-Gl%C3%BCck-k%C3%B6nnen/dp/394204823X

http://de.wikipedia.org/wiki/Roulette

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