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Irgendjemand ist immer beleidigt!

05/02/2016

Das meistbenutzte Instrument dieser Tage scheint die Goldwaage zu sein. Auf ihr wird quasi jedes veröffentlichte Wort gewogen. Und immer findet sich einer / eine / etwas, der / die / das das furchtbar beleidigend und herabsetzend findet. Schon überhaupt eine Meinung zu haben, die man sich zu äußern erdreistet, bringt unweigerlich andere in Rage und (schein-) heilige Empörung.

Wer hat z.B. den friedliebendsten, menschenfreundlichsten und anbetungswürdigsten eingebildeten, großen Freund? Ist er / sie / es männlich, weiblich, oder trifft gar eine von den 58 anderen Genderbezeichnungen zu, die in Deutschland aktuell benamt sind?

Ist ein „vergelt’s Gott“ bereits eine religiöse Traumatisierung von Moslems, Hindus, Sikhs oder Buddhisten? (Ich bitte alle offiziellen und offiziösen Stellvertreter anderer Glaubensgemeinschaften, die hier nicht genannt sind, um ewige Vergebung und von Anschlägen auf meine Person abzusehen.) Ist ein Weihnachtsmarkt eine Beleidigung für alle Nichtchristen (einschl. der Atheisten, auf die bislang wenig Rücksicht genommen wird)?

Ist ein Film mit einer Szene, in der ein Schwarzer auf einen Weißen schießt, bereits rassistisch, weil der Schwarze als Täter dargestellt wird? Oder ist es, wenn ein Weißer auf einen Schwarzen schießt, auch schon bedenklich, weil die Schwarzen ständig als Opfer herhalten müssen? Und wenn ein Schwarzer auf einen Schwarzen schießt, dann ist es ganz sicher Rassismus, weil es solche Verbrechen eben nicht nur unter Schwarzen gibt? Wenn aber ein Weißer auf einen Weißen schießt, haben wir dann die Schwarzen diskriminiert, weil keiner von ihnen in der Geschichte vorkommt? Und ist die ganze Geschichte nicht sowieso waffen- und frauenfeindlich, weil Waffen in ein ungünstiges Licht gerückt werden, oder bis jetzt keine einzige Frau in diesem Absatz vorkommt?

Oder wie eine weiße Studentin am Ithaca-College zu einem Kommilitonen sagte, der die Rassismuserfahrungen afro-amerikanischer Studenten nur begrenzt nachempfinden konnte: „Ich bin zwar nicht schwarz, aber wenigstens bin ich kein Mann.“ Ist diese Aussage politisch korrekt?

Wissen Sie z.B., dass man nicht mehr von körperlich oder geistig Behinderten sprechen sollte, sondern von Menschen, die behindert werden? Was sich für mich so anhört, als wenn die Gesellschaft, und damit wir alle, diese Menschen dabei behindern, ein unbeschwertes und würdiges Leben zu führen. Schämen Sie sich jetzt? Wenigstens ein bisschen?

Das heutzutage nicht mehr, wie es in den 50ern noch üblich war, von Krüppeln und Schwachsinnigen gesprochen werden sollte, die in Krüppelhäuser und Irrenanstalten untergebracht wurden, finde ich vollkommen in Ordnung. Dass jetzt alle Nichtbehinderten plötzlich (zumindest sprachlich) für die Behinderung verantwortlich gemacht werden, finde ich stark übertrieben.

Die hier wohnenden Ausländer sind zu Menschen mit Migrationshintergrund geworden. Ist das politisch korrekt (sachlich angemessen, moralisch unangreifbar, vorurteilsfrei)? Oder ist das nur ein anderes Label? Meines Wissens nach migrieren nämlich z.B. Amerikaner, Briten oder Kanadier nicht, die ziehen einfach um.

Hilft es irgendwem, dass es in den Kinderbüchern von Astrid Lindgren jetzt „Südseeprinzessin“ statt „Negerprinzessin“ heißt? Wann wird der Titel der Operette „Der Zigeunerbaron“ politisch korrekt nicht mehr haltbar sein?

Genderneutralität hat natürlich auch ihre Grenzen, liebe Leserinnen und Leser! Oder haben Sie schon einmal von der Verkehrssünderinnen und -sünderkartei gehört? Oder von Steuerhinterzieherinnen und -hinterziehern? Das dann doch wohl lieber nicht. Ist das möglicherweise diskriminierend in Bezug auf die Männer? Interessiert das jemanden?

Ist bereits die leiseste und wohlwollendste Kritik eine Mikro-Aggression, die Gefühle verletzt und die Empfänger traumatisiert?

Was  ist mit „rechts vor links“? Diskriminierung! „Links vor rechts sollte gleichberechtigt danebenstehen.

Und was ist mit der Unterscheidung in Menschen und Tieren? Diskriminierung! Wir sollten jetzt menschliche und nicht menschliche Tiere sagen. Ist es eine Beleidigung, eine Katze mit „Du Hund“ zu beschimpfen? Und wen kratzt das? Ich bin sicher, dass es Katzenmuttis, -vatis, -brüder und -schwestern gibt, die einen für sowas zurechtweisen würden.

Unsere Sprache beschreibt die Welt, beeinflusst unser Denken und schafft Bedeutungen. Jeder Euphemismus ist eine Schönfärbung der Sprache und eine Schönfärbung der Welt.

Aus Mord wird Krieg oder der Kampf gegen den Terrorismus. Die aus dem „bewaffneten Konflikt“ zurückkehrenden Krüppel werden zu Kriegsversehrten, und eine Republik, in der Politiker in der Regierung, in der EU und der EZB am Parlament vorbei gegen den Willen der eigenen Bürger weitreichende Entscheidungen als faktische Realität installieren, heißt immer noch Demokratie.

Eine Wirtschaft, die Krankheiten, Kriege, internationale Steuervermeidung und brunzdumme Konsumenten braucht, um zu überleben und ihre Reichen immer reicher zu machen, firmiert immer noch unter dem Label „soziale Marktwirtschaft“.

Ein Staat, der im Namen der Terrorbekämpfung die bürgerlichen Freiheiten immer weiter einschränkt, „Bagatelldelikte“ von „illegalisierten“ Ausländern wegen des hohen Aufwands nicht mehr verfolgt, durch Gesetzesänderungen in laufende Verträge eingreift, ein Steuersystem nicht reformiert, dass Unternehmenserträge, Vermögenserträge und Erträge aus Finanzspekulationen gegenüber Einnahmen aus Arbeitsverhältnissen bevorzugt behandelt, es toleriert, dass aus einer vertraglich festgeschriebenen EU Währungsunion eine Transferunion wird und es zulässt, dass in unseren Erstaufnahmestätten für Asylsuchende rechtsfreie Räume entstehen, nennt sich immer noch „Rechtsstaat“.

Das „Unwort“ des Jahres 2015? Gutmensch. Soweit haben wir es gebracht.

„Die Wahrheit ist wie Poesie. Die meisten Leute hassen sie.“
Zitat aus: The Big Short

From → Allgemein

One Comment
  1. Wunderbar geschrieben! Und so treffend, Danke für diesen Artikel. Viel Grüße, Trina

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