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Schutz – Überbehütung – Entmündigung

12/09/2013

Wer lässt sich noch von der Frage leiten, wofür es sich zu leben lohnt? Verkrampfung und Verzicht sind gerade in unserer sogenannten liberalen Kultur spürbar. Höchste Zeit für philosophische Lockerungsübungen.

Eine Packung für die Freiheit

Die ZigarettenschachtelDie EU-Gesundheitsminister haben kürzlich beschlossen, das offenbar schlimmste aller Übel, die die Menschheit heimsuchen können, nämlich das Rauchen, unter ein Gesetz des sogenannten „Plain Packaging“ zu stellen. Zigarettenpackungen dürfen dann keine liebevolle grafische Gestaltung mehr zeigen, sondern müssen in einheitlicher weisser Verpackung samt drastischen Fotos von Lungenkrankheiten verkauft werden. Die Vertreter der deutschen Bundesregierung haben dem Plan ausdrücklich zugestimmt. In Australien ist das Plain Packaging bereits eingeführt.

Natürlich ist Rauchen ungesund. Aber wissen wir das nicht selbst?

Was bedeutet es, wenn Politik plötzlich nichts Besseres zu tun hat, als ihre Bürger wie Kinder zu behandeln und ihnen zunehmend ihre kleinen Freuden wie Rauchen, Trinken oder üppiges Essen mieszumachen oder zu verbieten? Eine Politik, die dem Einzelnen lächerliche Vorschriften macht, anstatt vollends unverantwortlich handelnde „Big Players“ daran zu hindern, Massenarmut und Jugendarbeitlosigkeit in gigantischem Ausmass zu erzeugen, verfehlt nicht nur massiv ihre Aufgabe. Sie zerstört zugleich auch etwas, das eine notwendige Voraussetzung von demokratischer Politik ist: die Würde und Autonomie der Bürger.

Überall dort, wo Individuen von der Politik als verletzliche, in ihrer Gesundheit gefährdete Wesen angerufen werden, um in der Folge durch repressive Schikanen „beschützt“ zu werden, wird die entscheidende Ressource der Demokratie beschädigt. Denn durch solche Propaganda beginnen Menschen, sich selbst nicht mehr als freie Wesen zu begreifen. Den Begriff „Freiheit“ wenden schon jetzt viele fälschlicherweise nur noch auf ihr privates Leben an. Sie meinen mit „Freiheit“, dass sie ihre Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten freien Lauf lassen dürfen und also ein Recht darauf haben auf rauchfreie Kneipen, leise Hinterhöfe, Gespräche ohne erotische Anspielungen. Freiheit ist aber genau das Gegenteil davon: Es ist unsere Fähigkeit, die „pathologischen“ Neigungen (wie Immanuel Kant sagt) und Marotten hinter uns zu lassen. Erst wenn wir von unseren Befindlichkeiten absehen und auch dem anderen sein Glück gönnen, werden wir zu freien, politischen Bürgern.

Eine staatliche und mediale Pädagogik aber, die uns ständig als unmündige, empfindliche verletzliche und kränkbare Wesen hinstellt, arbeitet am Gegenteil. Sie tut so, als ob die Empfindlichkeiten der Menschen das Beste an ihnen wären, und fragt sie ständig: „Stört dich da nicht etwas? Sollen wir den anderen (und dir) vielleicht noch etwas verbieten?“

Auf diese Weise macht die Politik aus den Menschen furchtsame, feige, gehorsame, traurige und neidische Wesen, die das Glück des anderen immer nur als Nachteil erleben können und für autoritäre Politik anfällig sind. Um nicht ihre eigentlichen Grundlagen zu zerstören, muss demokratische Politik ganz anders an die Leute appellieren. Sie muss signalisieren: „Du bist erwachsen. Du kannst das ertragen. Du stirbst nicht sofort, wenn du eine Zigarette riechst oder gegrilltes Lamm, das aus dem Hof der Siedlung auf deinen Balkon herauf duftet; oder wenn du den Nachbarn Klavier üben hörst.“ Nur dann bekommen wir Bürger, die politisch handlungsfähig sind und das Glück des anderen auch als etwas Teilbares erleben können.

Kolumne: Zeitgeist / Lockerungen
Philosophie Magazin 5 / 2013
Autor: Prof. Robert Pfaller, Wien

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