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Der „blinde Fleck“ und die „Überbehütung“ – das Johari-Fenster

11/11/2011

Warum fehlendes Feedback unsere Entwicklung hemmt und anderen die Chance auf Wachstum raubt. Und wie sich unsere Wirklichkeit immer weiter von der Realität entfernt. Antworten darauf gibt uns das Johari-Fenster.

Überbehütung verhindert Entwicklung

Im Original das Johari-window, benannt nach Joseph (Jo) Luft und Harry (hari) Ingham, zwei amerikanischen Sozialpsychologen von der University of California, Pioniere der Gruppendynamik. Sie entwarfen 1955 ein Schema zur Wahrnehmung in Beziehungen zwischen Personen. Es spielt in der gruppendynamischen Arbeit seit den 1960/1970 Jahren eine bedeutsame Rolle zur Demonstration der Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung und gehört zum Standardrepertoire gruppendynamischer Modelle und Verfahren.

Luft und Ingham unterscheiden die Wahrnehmung einer Person in 4 Kategorien: Was ich über mich weiß oder eben nicht und was andere über mich wissen oder nicht. Johari-Fenster, weil so 4 Bereiche entstehen, die das Modell wie ein Fenster aussehen lassen. Joseph Luft beschrieb als Ziel von Lernen in der Beziehungs- und Gruppendynamik, den gemeinsamen Handlungsspielraum transparenter und weiter zu gestalten. Im Johari-Fenster wird dabei das linke obere Feld der öffentlichen Person immer größer, die anderen drei Felder – Bereich des Verbergens und Versteckens, der blinde Fleck und das Feld des Un- und Unterbewussten – werden zunehmend kleiner.

Johari-FensterDer Inhalt dieses Artikels ist mittlerweile eingeflossen in das Brevier:

„Trottelfallen: Wie Sie sich von lästigen Gewohnheiten befreien!“, das Sie hier als E-Book zum Bestpreis erwerben können.

Kurzbeschreibung

Warum sind Gewohnheiten eine hervorragende Erfindung der Evolution? Wieso kann uns so mancher „Trott“ trotzdem zum Trottel machen? Welche Gewohnheiten bringen uns mehr körperliche, seelische, soziale und finanzielle Gesundheit und Zufriedenheit? Welche Gewohnheiten schaden uns und machen uns zum Lebensgeizlingen, Selbstausbeutern oder Selbstquälern? Wie oft haben wir (natürlich nur bei anderen) erlebt, dass die guten Vorsätze für das neue Jahr selten die erste Woche überleben? Was sind die psychologischen Funktionsweisen, Tricks und Kniffe, lästige Gewohnheiten sicher aufzugeben oder durch förderlicheres Verhalten zu ersetzen? Lesen Sie Erfahrungsberichte darüber wie es gelungen ist, den inneren Schweinehund nicht niederzuringen, sondern ihn zum Tanz aufzufordern und ihn dabei durch die Luft zu wirbeln. Erfahren Sie, wie es gelang, regelmäßig Sport zu treiben, abzunehmen, Nichtraucher zu werden und zu bleiben. Welche Trottelfallen tun sich auf, mit welchen Hindernissen bekommen wir es zu tun und wie überwinden wir sie? Dieses Brevier ist ein kurz gefasstes, eigenständiges Werk, das sich nicht durch große Umfassendheit und Detailtiefe, sondern durch Pointiertheit und Reduktion auf das Wesentliche auszeichnet. Letztmals waren Breviere in der Spätantike modern, etwa im 4. Jahrhundert n.Chr. und sie dürften auch heute wieder den Bedürfnissen und Lesegewohnheiten vieler Menschen entgegenkommen. Ca 103 Seiten.

Hier der komplette Rest des Artikels als Leseprobe:

Bereich 1 –
Dinge die andere und wir selbst über uns wissen, die s.g. “öffentliche Person”. Das sind persönliche Informationen und Meinungen, die wir mit anderen teilen und wo sie uns auch offen ihre Meinung zu und über uns und die Wirkung unseres Verhaltens sagen. Je mehr im Bereich der öffentlichen Person angesiedelt ist, desto berechenbarer sind wir und desto mehr Chancen auf persönliche Weiterentwicklung, auch gemeinsam mit anderen, können wir wahrnehmen. Müssen wir selbstverständlich nicht, aber wir habe die Chance, es zu tun.

Bereich 2 –
der Bereich des “Verbergens und Versteckens”. Das können zwei Dinge sein – zum einen Informationen über uns, die wir zurückhalten, wie z.B. Intimes oder persönliche Schwächen, Dinge, die uns peinlich sind. Es ist überwiegend verständlich, wenn wir das nicht jedem auf die Nase binden. Allerdings sollten wir es hier nicht so machen wie einige Zeitgenossen, die sich als absolut fehlerfrei verkaufen wollen und dann dummerweise häufig selbst offensichtliche Fehler versuchen zu leugnen oder jemand oder etwas anderem unterzuschieben. Es widerspricht der Alltagserfahrung, dass Menschen perfekt sind. Der Versuch, sich so darzustellen, beschädigt dauerhaft unsere Glaubwürdigkeit. Zweitens Meinungen, die wir über andere haben, aber nicht kommunizieren, z.B. weil wir ihnen nicht weh tun wollen, oder Angst haben, dies könnte unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen ( z.B. dominante Partner, Chef). Hier ist sie wieder, die “Überbehütung”, da der Partner sich nicht mit unserer Meinung und seiner Wirkung auf uns auseinandersetzen kann und ihm von vorneherein eine Lernchance genommen wird.
Je größer dieser Bereich ist, desto mehr Energie raubt er uns, da wir in weiten Teilen ein Fassade aufrecht erhalten müssen und dadurch immer steifer und weniger spontan werden. Manche Menschen identifizieren sich so mit ihrer Fassade, dass sie vor lauter “potemkinschen Dörfern” ihr zuhause, nämlich sich selbst und die Wahrnehmung ihrer eigenen Bedürfnisse verlieren.

Bereich 3 –
der “blinde Fleck”. Hier sammelt sich alles, was andere über uns denken, welche Wirkung wir mit unserem Verhalten auf sie erzeugen, ohne dass Sie uns dies mitteilen. Je größer der blinde Fleck ist, desto weniger Lernchancen können wir wahrnehmen und desto weniger können wir unsere Wirkung bewusst steuern. Beispiel: Ich kenne einige Menschen, die einen während eines persönlichen Gesprächs permanent in rascher Folge anfassen oder gar an den Arm oder Körper “schlagen”. Ganz beiläufig und häufig, ohne dies selbst bewusst wahrzunehmen. Mir geht dieses Verhalten, gerade in hoher Wiederholungsfrequenz, heftig auf die Nerven. Nichts sagen und nichts an der Situation ändern bedeutet für uns – weiter ärgern. Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass der Ärger auf unser Verhalten und unsere Äußerungen Einfluss nimmt. Oder wir halten einen größeren Abstand zu dieser Person, um damit außer Reichweite zu kommen. Vermutlich wird die Person “nachrücken” und auf eine erneute Korrektur irritiert reagieren. Nur wenn wir diesen Punkt offen und sozialverträglich ansprechen, gibt es eine Chance auf Änderung des Verhaltens, ohne die Beziehung zu belasten. Je kleiner der blinde Fleck einer Person, desto mehr Lernchancen und Möglichkeit der bewussten Wirkungssteuerung hat sie. Je größer der “blinde Fleck” wird, desto mehr verliert die Wirklichkeit des Betroffenen den Bezug zur Realität und der Wirklichkeit der anderen. Wir beobachten das leider relativ häufig in Top-Führungspositionen, da dort meist die Anzahl der Menschen rapide abnimmt, die noch ein offenes Feedback geben. Zudem wird Feedback in diesen Positionen oft gar nicht mehr gewünscht. Etliche der s.g. Top-Manager glauben nämlich, Sie wüssten bereits Alles und könnten den Allmächtigen in allen Lebensfragen beraten. Dann braucht man selbstverständlich kein Feedback, braucht keine Fragen stellen und auch nicht zuhören.
Sowohl einer zu großer “blinder Fleck”, als auch ein überdimensionierter Bereich “Verbergen/Verstecken” setzen zudem die “Emotionale Intelligenz” der beteiligten Personen herab, da sie sich nicht mit den Gefühlen beschäftigen können, die ihr Verhalten auslöst.

Bereich 4 –
der Bereich des Un- und Unterbewussten, der sich sowohl unserer Selbstwahrnehmung und der des Partners entzieht. Interessant ist, dass sich auch dieser Bereich verkleinert, je mehr wir Feedback geben und zu unseren Schwächen stehen (Reduzierung Bereich 2 = Verbergen und Verstecken) und je mehr wir Feedback von anderen erhalten (Reduzierung Bereich 3 = blinder Fleck).
Dazu ein für mich sehr aufschlussreiches Beispiel:
Eine Trainingsteilnehmerin, nennen wir sie Frau K., kam nach einem Trainingstag zu mir, weil eine Kollegin mit deutlichen Ausnutzungstendenzen ihr Zeit und Nerven raubte. Diese Kollegin war schrecklich unorganisiert und bat Frau K. häufig, sie bei der Aufarbeitung ihrer Arbeitsrückstände zu unterstützen, damit sie gesetzte Termine noch einhalten konnte. Damit warf sie Struktur und Planung von Frau K. regelmäßig um und deren eigenen Aufgaben litten unter dem entstehenden Zeitdruck. Unterstützung von der Kollegin konnte Frau K. dabei selbstverständlich nicht erwarten, denn diese war ja selber “völlig überlastet”. Also eine sehr ungleiche Beziehung, in der nur eine, nämlich Frau K., half und die Lasten der anderen trug. Bislang hatte Frau K. gute Miene zum bösen Spiel gemacht, weil sie sich scheute, klar “Nein” zu sagen. Warum dies für sie als so schwierig und unangenehm empfand, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, denn Frau K. hatte keine übermäßige Tendenz, “nett” wirken zu wollen.
Meine Empfehlung an Frau K.: “Geben Sie ihr Feedback, wie ihr Verhalten auf Sie wirkt und sagen Sie klar, dass Sie in Zukunft nicht mehr bereit sind, für die Kollegin die Kastanien aus dem Feuer zu holen.” (siehe auch später: Ich-Botschaft) Dazu gab es noch zwei konkrete Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit.
In der Folge machte Frau K. dann ernst damit, Bitten der Kollegin um Hilfe mit Hinweis auf ihre eigenen Aufgaben abzulehnen. Daraufhin konnte ihre Kollegin einige Termine nicht halten und bekam massiven Ärger mit ihrer gemeinsamen Vorgesetzten.
Als Frau K. mir dies zerknirscht und “schuldbewusst” berichtete, kam sie durch ein Feedback von mir über die Wirkung des Berichtes selbst auf den Grund für ihre Schwierigkeiten, der Kollegin “Nein” zu sagen. Wenn sie eine Bitte ablehnte, fühlte sie sich verantwortlich für daraus entstehende Schwierigkeiten des Bittstellers. Ein Muster, das sie, wie sie mir dann berichtete, zur Genüge aus ihrer Kindheit kannte, wenn ihre Mutter sie über eingeredete Schuldgefühle manipulierte, dass zu tun, was sie wollte, weil sie sonst schuld war, wenn es der Mutter in irgendeiner Weise schlechter ging.
Dies Beispiel zeigt uns, wie durch das Feedback an die Kollegin der Bereich der öffentlichen Person wuchs, der Bereich des Verbergens und Versteckens schrumpfte, durch meine Rückmeldung der blinde Fleck abnahm und dadurch die unbewussten Antriebe für ihr früheres Verhalten zum Vorschein kamen und sich auch der Bereich des Un- und Unterbewussten reduzierte. Zusätzlich hatte die Kollegin meiner Trainingsteilnehmerin die Chance, sich und ihr Arbeitsverhalten zu verbessern.

Kommentar von Gast: Überbehütung, übermittelt von
admin@kompetenznetz-mittelstand.de

Hier muss noch eine Facette des Themas genannt werden: Die Überbehütung
in einem aus allen Nähten geplatzten Wohlfahrtsstaat, der seinen Bürgern
sogar bedingungsloses Grundeinkommen versprechen will obwohl er jeden
fünften Schulabgänger ausbildungsunfähig ins Leben entlässt. Ein Staat,
der jedem mit Antidiskriminierungsregeln nahe legt, der Staat werde sich um
die Gerechtigkeit von Rechts wegen kümmern und der dabei die sozialen
Fähigkeiten und Fertigkeiten verkümmern lässt. Eine ganz schlimme
Entwicklung. Dazu gehört auch die Zerstörung der klassischen Familie, in
der Menschen früher Halt und soziale Bindung und die Möglichkeit des
Auftankens hatten, und die heute zugunsten häufig wechselnder
Patchworkfamilien diese vertrocknete Ressource durch staatliche
Überbehütung mit Kontrollen und Verboten kompensieren will.

Jutta Meister

8 Kommentare
  1. Danke für die Erklärung des Johari-Fensters! Ich würde mich freuen, wenn der Artikel inklusive Hinweis auf das E-Book auf auf dem Blog der Initiative Wirtschaftsdemokratie veröffentlicht würde.

    Zu dem angehängten Kommentar habe ich auch noch zu kommentieren:

    Was die Kleinfamilie anbetrifft, so ist diese kleine Zelle doch auch eher eine Beschneidung der Vielfalt. Ich habe erlebt, dass gerade die Patchwork-Familie viel Übungsraum zur Sozialisierung bietet. Allerdings ist auch diese immer noch sehr klein. Die früheren Familien waren Clans, in denen auch die Geschwister von Vater und Mutter dabei waren und natürlich auch die Großeltern. Das ist die eigentliche Spielwiese der Sozialisierung, da hier die Facetten noch viele größer sind.

    Und ja, durch unsere Überregulierungen mit der Abgabe der Verantwortungen an den Staat verlieren wir zu dem unsere sozialen Fähigkeiten.

  2. Hallo nochmal,
    ich kann meine abgegebene Antwort auf den Kommentar von Herrn Bartonitz auch nicht irgendwie öffnen.
    Noch eine Bemerkung zu den blinden Flecken. Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass es Leute gibt, die einen sozusagen `nicht zu Wort kommen lassen´. Dabei handelt es sich um Personen, denen es an irgendetwas fehlt, und das ist meiner Erfahrung nach die sog. „eigentliche Spielweise der Sozialisierung“ , wie Herr Bartonitz es ausdrückt. Dieser Mangel an engen primären Lebensbeziehungen beeinträchtigt m. E. ganz entscheidend die Entwicklung des Selbstbewusstseins.
    Wir (bzw. my Family) kennen zumindest 2 Personen aus dem engeren Bekanntenkreis, die wir nur sehr schwer ertragen können. Soweit meine ganz private Erfahrung.
    Ich könnte jetzt noch mehr über ein eher gegenteiliges Verhalten erzählen, möchte es aber hiermit bewenden lassen.
    Vielen Dank!

  3. Ich weiß jetzt nicht, ob mein Kommentar angekommen ist..

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