Leben in der “Matrix” – der Wahrnehmungsfilter – überzeugen statt überreden
Jeder von uns lebt in seiner eigenen Wirklichkeit, die mit der Realität nur mehr oder weniger zu tun hat. Wir leben in einer von unserem Gehirn produzierten “Matrix”.
In dem gleichnamigen Film von 1999 erwacht “Neo” (Keanu Reeves) dank einer “roten Pille” in einer für ihn bis dahin unvorstellbaren Welt: Bis auf wenige Überlebende und Befreite werden alle Menschen von intelligenten Maschinen in riesigen Zuchtanlagen gehalten und dort als lebende Energiequellen genutzt. Ihre Körper sind über Kabel an eine komplexe Computersimulation, die Matrix, angeschlossen, die ihnen eine Scheinwelt vorgaukelt. Die angeschlossenen Menschen halten die Simulation für das wirkliche Leben.
Was diesen Film, neben etlichen innovativen Filmtechniken und bis dahin nie gesehenen Bildern so interessant macht, ist der Umstand, dass die Story (bis auf die Sache mit den intelligenten Maschinen, aber das kommt ja vielleicht noch) mitten aus unserem Leben gegriffen ist.
Immanuel Kant (*22.04.1724, + 12.02.1804), ein deutscher Philosoph der Aufklärung, ist der geistige Vater des Konstruktivismus. Bis Kant hatte die Philosophie den Anspruch und das Ziel, die Welt so zu sehen und zu „erkennen“, wie sie tatsächlich ist (Realität). Kant war der erste, der das umgekehrte, in dem er den Fokus vom Außen (Welt) auf uns, das Innen, den Erkennenden verlegt hat. Sinngemäß formulierte er: Wir sehen in der Welt nichts anderes, als wir notwendigerweise in der Lage sind zu sehen, zu glauben und zu verarbeiten. Wir konstruieren die Welt, in der wir leben, in unserem Kopf. Jeder hat seine persönliche Weltsimulation, seine persönliche Wirklichkeit.
Ein Beispiel: Nehmen wir an, wir sehen einen vollbärtigen (männlichen) Menschen mit Kopftuch, der Handgranaten wirft. Wovon hängt es ab, ob wir ihn „Terrorist“ oder „Freiheitskämpfer“ nennen?
Es hängt von unseren Interessen, Denkmustern, Glaubenssätzen und Vorurteilen ab. Wir haben es schon erlebt, dass Menschen von Freiheitskämpfern zu Terroristen mutiert sind, ohne das sie Ihr Verhalten im Wesentlichen geändert hätten. Solange z.B. Bin Laden in Afghanistan gegen die Russen gekämpft hat, wurde er hier mehrheitlich als Freiheitskämpfer gesehen, der mit Waffen, Geld, Ausbildung und Infrastruktur unterstützt wurde. Sobald sich seine Aktivitäten jedoch gegen andere Aggressoren von außen richteten, war er plötzlich ein Terrorist. Saddam Hussein machte aus westlicher Sicht einen unterstützenswerten Job, solange gegen der Iran kämpfte. Als er sich umdrehte, und das Gleiche in eine andere Richtung machte, war‘s damit vorbei. Was wir also wie sehen, hat vor allem mit uns, weniger mit dem Objekt unserer Betrachtung zu tun.
Wir sehen die Welt durch unseren Wahrnehmungsfilter. Die Menge an Wissen, Annahmen, Glaubenssätzen und sonstige Prägung durch Erziehung, Ausbildung und unsere Alltagserfahrungen bedingt, dass wir nur unsere Wirklichkeit sehen. Wie sehen wir die Realität, gefiltert durch die Menge der subjektiven Bedingungsfaktoren. Wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, glauben wir leicht, die Welt ist so, wie wir sie sehen. Das lässt jedoch keinen Spielraum für andere Sichtweisen, für andere Wirklichkeiten. Die Wahrscheinlichkeit jedoch, dass ein anderer exakt dieselben Bedingungsfaktoren in seinem Wahrnehmungsfilter hat wie wir, geht gegen null. Sobald wir die faktische Realität verlassen, also irgendeine Wertung mit einschließen, dürften wir nicht mehr sagen „das ist so“ sondern lediglich „ich sehe es so“, oder „für mich ist das so“. Das macht auch den Begriff der Ehrlichkeit problematisch, da wir nur auf Basis unserer Wirklichkeit ehrlich sein können und unsere Beobachtungsgabe auf Grund selektiver Wahrnehmung oder generell wegen mangelnder Aufmerksamkeit sehr eingeschränkt ist. Wir können sogar subjektiv total ehrlich sein und trotzdem können andere genau das Selbe völlig anders beschreiben. Der ein oder andere kann das vielleicht gut nachvollziehen, wenn er z.B. schon einmal mit zwei Beobachtern ein und desselben Unfalls gesprochen hat.
Lassen Sie uns zu unseren Überzeugungen kommen. Wie gelangen wir dazu? Nun erst mal auf Grund eigener Erfahrungen. Nur, wie viele Erfahrungen brauchen wir im Zweifel, um von etwas überzeugt zu sein? Eine einzige, wenn Sie eindrücklich genug war, reicht völlig. Beweiskraft? Wenig. Dann gibt es noch das, was auf Grund der Erfahrung oder Aussage von anderen dazu kommt, nennen wir es „Glauben“. Glauben wir einer Quelle – sagt das Guido, Angela, Sigmar, Oskar oder Claudia? Schreibt das die FAZ, die TAZ oder die Bild? Sagt das der Nachrichtensprecher in der ARD oder auf Pro7?
Außerdem kommt noch hinzu, dass wir gar nicht offen sind für Informationen, die nicht zu dem passen, was wir bereits glauben und erfahren haben, ein Problem der durch selektive Wahrnehmung herabgesetzten Aufmerksamkeit und ein Kompatibilitätsproblem.
Überzeugen statt überreden
Wenn jetzt zwei Menschen miteinander reden, geht die Kommunikation, solange sie sich in Bereichen bewegen, in denen ihre Filter gleich geprägt ist (sie sich in einer gleichen oder vergleichbaren Matrix befinden), so leicht wie ein warmes Messer durch Butter. Zwei Fans des 1.FC Köln werden sich beispielsweise kaum darüber streiten, ob die Grätsche ihres Mannschaftskapitäns nun “gesunde Härte”, “notwendige Aggressivität” oder ein “grobes Foulspiel” war. Sobald wir jedoch in Bereiche kommen, in denen unterschiedliche Erfahrungen, Werte, etc. unseren Wahrnehmungsfilter geprägt haben, ändert sich das Verhalten.
Zumeist versuchen jetzt beide Beteiligten, den anderen durch die eigenen Argumente zu überzeugen – in dem sie reden. Dies ist allerdings mehr der Versuch zu überreden, da wir so nur mehr zufällig eine neue Einsicht oder Ansicht zeugen können. Sicher ist es jedem von uns schon einmal passiert, dass er sein bestes Argument vorgebracht hat und der andere antwortete: “Das ist für mich kein Argument.” Zu reden um zu überzeugen, ist wie auf 100 Meter mit einem Schrotgewehr auf einen Schwarm Spatzen schießen – wenn wir Glück haben, treffen wir etwas.
Um zu überzeugen muss es uns gelingen, in der Wirklichkeit des anderen etwas zu bewegen, zu über-zeugen. Die Voraussetzungen dafür sind um so besser, je genauer wir die Wirklichkeit des Partners kennen. Überzeugen beginnt also regelmäßig mit Fragen stellen und zuhören. Siehe auch: „Wer fragt, der führt.“ Teil1 – 3


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