Authentizität – entwicklungsfähig oder Schutzbehauptung um nicht zu lernen?
Nehmen wir an, wir möchten unser Verhalten verändern, entwickeln. Und zwar in einer Art und Weise, die nicht unserer bisherigen Persönlichkeitsprägung entspricht. In wieweit können wir dann noch authentisch sein?
Als erstes die leider sehr selten gestellte Frage – was bedeutet Authentizität? Laut Wiki bedeutet es Echtheit im Sinne von „als Original befunden“. Authentizität bezeichnet demnach eine Qualität von Wahrnehmungsinhalten (Gegenständen oder Menschen, Ereignissen oder menschliches Handeln), die den Gegensatz von Schein und Sein als Möglichkeit zu Täuschung und Fälschung voraussetzt. Als authentisch gilt ein solcher Inhalt, wenn beide Aspekte der Wahrnehmung, unmittelbarer Schein und eigentliches Sein, in Übereinstimmung befunden werden.
In meinem Verständnis beschreibt Authentizität damit die Übereinstimmung unseres Verhaltens mit unseren Zielen, Werten und Rollen. Ziele und Werte entwickeln sich, im Laufe des Lebens übernehmen wir neue Rollen, etwa den Rollenwechsel vom Kind zum Jugendlichen, Erwachsenen, Partner, Eltern, Führungskraft, Berater etc. Ein neues, authentisches Verhalten muss sich in dieser neuen Situation erst entwickeln und unser Verhalten wirkt am Anfang oft nicht authentisch, obwohl es das bereits ist. Beispiele: Wenn wir uns authentisch mit unserem dreijährigen Ich verhalten würden, dürften wir in Gesellschaft rülpsen, Lutscher an Scheiben klatschen und Leuten sagen, dass sie aus dem Mund riechen. Heute wäre dieses Verhalten vermutlich eher unangebracht, es sei denn, jemand ist Rockstar, Topmodel oder Nerd. Oder nehmen Sie den ersten Auftritt von Mädchen in hohen Schuhen und einem engen Rock, oder ersten Auftritt von Jungen in Anzug und Krawatte. Das sieht bei wenigen Pubertanten authentisch aus, sondern erst mal mehr verkleidet und unbeholfen.
Das ändert sich mit Übung und Gewöhnung und wirkt erst dann auch authentisch. Und es geht ja auch nicht ausschließlich um das Ausleben unserer Persönlichkeit und unserer Bedürfnisse, sondern auch um Rollenanforderungen. Werden wir beispielsweise vom Kollegen zur Führungskraft befördert, verlangt diese neue Rolle ein anderes Verhalten gegenüber den ehemaligen Kollegen. Wenn unsere Ziele und Werte nicht zu den Rollenanforderungen passen, sollten wir diese Rolle nicht spielen wollen. Sonst ist die Herausforderung, unser Verhalten damit in Einklang zu bringen.
Authentizität als eigener Wert wird zudem oft von Leuten ins Spiel gebracht, die sich gar nicht verändern und entwickeln wollen. Denen die Rollenanforderungen und -erwartungen anderer völlig wurscht sind. Diese Menschen berufen sich dann oft noch auf die Natürlichkeit ihres Verhaltens. Ich bin wie ich bin und so bin ich. Selbstverständlich völliger Quatsch. Was ist das Gegenteil von Natur? Kultur. Außerhalb der Steuerung durch unsere Instinkte legen wir kulturell gelerntes Verhalten an den Tag, das wir eben auch verändern können. Das hat mit Natur wenig zu tun.
P.S. Jean-Jaques Rousseau, Natürlichkeit und Authentizität
Der erste, der Natürlichkeit und Authentizität so hoch gehalten hat, war Jean-Jacques Rousseau im 18.ten Jahrhundert. Rousseau gilt als einer der wichtigsten geistigen Wegbereiter der Französischen Revolution und hatte großen Einfluss auf die Pädagogik und die politischen Theorien des 19. und 20. Jahrhunderts. Er nutzte seine Thesen und seine Philosophie im privaten Umgang vor allem dazu, sich, seine Bedürfnisse und Launen egozentrisch auszuleben. Alles mit dem Hinweis auf seine Natürlichkeit und Authentizität. Er hat beispielsweise ein viel beachtetes und einflussreiches Werk über die natürliche Kindererziehung geschrieben, das 1762 erschienen ist „Emile oder über die Erziehung“. Seine eigenen Kinder hat er während der Zeit, in der er an diesem Buch arbeitete, ins Waisenhaus gegeben, damit sie ihn nicht beim Schreiben stören. Ein dissozialer Egozentriker par excellence. Mir liegen noch ein paar deftigere Ausdrücke auf der Zunge, die ich mir aber hier verkneife.

Endlich ein gut zu lesender Beitrag, mein Dank. Muss man erstmal verarbeiten. Generell finde ich diesen Blog gut zu lesen und leicht zu verstehen.